Sehr geehrter Herr Maus… 26. September 2009
In der Lokalredaktion Wuppertal der Westdeutschen Zeitung liegen offenbar die Nerven blank. Nicht anders ist zu erklären, dass sich Herr Maus bei meinem Arbeitgeber über meinen “arroganten” Kommentar zu seinem Artikel zur Kundgebung von Angela Merkel beschwert. Meine Antwort darauf veröffentliche ich hier:
Sehr geehrter Herr Maus,
ich habe zur Kenntnis genommen, dass Sie sich bei meinem Arbeitgeber über meinen Blogeintrag beschwert haben. Herr Maus, Sie sind eine Petze!
Der Blogeintrag ist, um dies klar und deutlich zu sagen, meine Privatsache. Sollten Sie weiterhin meckern wollen, empfehle ich Ihnen Herrn Prof. Dr. Lambert T. Koch als Rektor der Bergischen Universität. Dort studiere ich.
Es geht in dem Beitrag nicht um Wahlkampf. Es geht um die Berichterstattung der Westdeutschen Zeitung über eine Aktion am Rande einer Kundgebung von Angela Merkel. Die Aktion hatte zwar durchaus politischen Charakter, gehörte aber nicht zum Wahlkampf, vor allem nicht zu dem der SPD. Ich denke nicht, dass ich in meinem Blog diesen Eindruck gemacht habe. Die letzten Artikel drehen sich um den neuen Film von Dani Levy sowie zum Government 2.0 Camp in Berlin, beides keine Wahlkampfthemen. Ganz bewusst schreibe ich nicht darüber, da für mich privates und berufliches konsequent getrennt werden muss.
Den Stil, bei Herrn Zöllmer als meinem Arbeitgeber zu petzen, halte ich für sehr fragwürdig und ehrenrührig, um bei Ihrem Vokabular zu bleiben. Auch als Studentischer Mitarbeiter in seinem Wahlkreisbüro habe ich das Recht auf freie Meinungsäußerung in meinem Namen. Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten. Oder empfehlen Sie mir, zukünftig unter einem Pseudonym zu schreiben? Auf Ihre Antwort bin ich gespannt.
Sie beziehen sich in Ihrer E-Mail darauf, Kritik von Frau Merkel an der „rot-grünen Vorgängerregierung (…) nicht veröffentlicht“ zu haben, „um eben die nötige Neutralität zu wahren.“ Sie verstehen meinen Blogeintrag nicht. Es geht nicht um die Neutralität zwischen den Parteien, diese ist zumindest nicht Gegenstand meines Artikels, sondern die zwischen den Veranstaltungsteilnehmern und den Teilnehmern des Flashmobs.
Obwohl: „Tosender Applaus“ ist nicht gerade sehr neutral und auch bei der Teilnehmerzahl spricht etwa der Wupperguide von 3.000 statt der von Ihnen genannten 5.000. Und bei Radio Wuppertal heißt es: „Sie sprach vor über 2000 Zuschauern“. Die von Ihnen genannte Teilnehmeranzahl wurde zudem von mehreren Personen für den Rathausvorplatz als völlig unrealistisch bezeichnet. Kommentare erspare ich mir an dieser Stelle.
Ihr Artikel zum Wahlkampfauftritt ist, um es ganz trocken zu sagen, falsch und mit den Worten „nervtötenden Schreihälsen“ unsachlich und emotionalisierend. Derartiges Vokabular erwarte ich bei Boulevardblättern, etwa dem Ihnen ja bekannten Express. Einige Kommentare auch in (Qualitäts-)Zeitungen beschäftigen sich im Moment mit dieser Problematik, der Boulevardisierung der Medien. Zu empfehlen ist carta.info sowie die „Thesen zum gegenwärtigen Journalismus“ von Prof. Dr. Volker Ronge, dem ehemaligen Rektor der Bergischen Universität, der weder zufällig, noch beabsichtigt, sondern unvermeidlich ein Vortrag über die WZ ist.
Tatsächlich gibt es auch bei der Westdeutschen Zeitung Sternstunden. Dazu gehört beispielsweise die Berichterstattung zum Cross-Border-Leasing der Stadt oder zum Konzert des Sängers Capleton im U-Club im vergangenen Dezember.
Grundsätzlich halte ich es für gut, dass die Lokalredaktion die örtlichen Bundestagskandidaten im Vorfeld der Wahl befragt. Während der Legislaturperiode fehlt eine Berichterstattung jedoch. Es gibt viele Akteure, die etwas zu sagen haben. Dazu gehören neben Politikern auch Nichtregierungsorganisationen und Interessensverbände. Beobachtet wurde auch, nicht nur von mir, dass die Interviews Ihrer Zeitung oberflächlich geführt werden und schwierige Felder höchstens angekratzt werden – Feel-Good für alle Beteiligten.
Dies bringt mich auch zur allgemeinen Kritik an Ihrer Zeitung. Insgesamt gibt es wenig politische Berichterstattung, beispielsweise auch zu Veranstaltungen. Ebenso wäre es Aufgabe der Medien, die deutliche gesunkene Zahl der Diskussionen in den politischen Gremien der Stadt, an denen auch die Große Kooperation Schuld ist, aufzuarbeiten. Stoff genug für politische Berichterstattung gibt es allemal.
Stattdessen ist zu beobachten, dass beispielsweise Elefantenbabys deutlich häufiger auf der Titelseite zu sehen sind, als politische Themen. Dies kritisiere ich. Allerdings fällt nicht nur die WZ negativ auf. Deutlich besser ist es in Städten, in denen es mehrere Tageszeitungen gibt. Der Westdeutschen Zeitung fehlt Konkurrenz.
Mit freundlichen Grüßen
Andreas Helsper
Übrigens: Das Feedback zum Blog ist überaus positiv, und zwar sowohl
Online als auch Offline, bei Anhängern genauso wie bei Kritikern des
Flashmobs.
Selbstverständlich habe ich auch darauf hingewiesen, dass die E-Mail hier veröffentlicht wird.
Tags: Journalismus, Merkel, Neutralität, Qualität, undallesoyeah, Westdeutsche Zeitung, Wuppertal
Posted in Politik | Kommentare: (11)


26. September 2009 um 16:38 Uhr
Sehr guter Artikel! Wirklich eine Schweinerei, dass der Redakteur sich bei Deinem Arbeitgeber meldet. Hier beim vorwaerts hat er jedenfalls nicht angerufen!
26. September 2009 um 17:52 Uhr
Sehr peinliche Aktion von Herrn Maus, sowohl der Artikel als auch die Beschwerde an der falschen Stelle.
Mein Arbeitgeber freut sich auch schon auf einen Anruf von Herrn Maus und mein Anwalt bekommt umgehend arbeit wegen übler Nachrede !
26. September 2009 um 18:01 Uhr
Nicht nur journalistisch eine Katastrophe, sondern auch menschlich! Weiter so Andreas!
26. September 2009 um 19:32 Uhr
Sehr gute Antwort. Hr. Maus ist wirklich nicht neutral. Ich glaub ich bestelle die WZ ab. Wenn ich CDU-Presse lesen will. lese ich die PMs der CDU.
28. September 2009 um 09:47 Uhr
Ich persönlich hätte ja als Reaktion einen Brief an die Mutter von Herrn Maus geschrieben. Wäre ähnlich passend wie die Mail an deinen Arbeitgeber.
28. September 2009 um 11:27 Uhr
Hallo,
ich finde es immer wieder traurig in welcher Art und Weise die Medien heute berichten. Was ist denn die Intention? Lange Weile? Profit?
Mittlerweile lese ich lieber RSS-Feed´s als Printmedien da hier immer noch Leute mit Interesse an der Sache arbeiten -> und das zum großen Teil unentgeldlich.
Ich fände es ja mal interessant was der Arbeitgeber des Hr. Maus zu der [seriösen] Vorgehensweise seines Mitarbeiters zu sagen hat.
28. September 2009 um 11:45 Uhr
Über die Qualität der WZ braucht man glaub ich nicht zu diskutieren. Wer an Veranstaltungen teilnimmt, wundert sich doch regelmäßig über die regelmäßig fehlerhafte Berichterstattung in der WZ. Wenn man aber sieht, wie die Reporter arbeiten, wundert einem das nicht. So werden Rückseiten von Einkaufsbons dafür verwendet, z.B. Namen von Beteiligten aufzuschreiben. Ich erinnere mich daran, als der Kleingartenverein Springen den Preis für die beste Kleingartenanlage bekam und die WZ es noch nicht mal schaffte, den Namen des Vorsitzenden wiederzugeben (es geht nicht darum, dass der Name falsch geschrieben wurde, nein es wurde ein neuer Name erfunden).
Immer wieder wird über die Politikmüdigkeit der Jugend lamentiert. Wenn dann aber Jugendliche sich aktiv mit der Politik auseinandersetzen und zu Wahlkampfveranstaltungen gehen und versuche sich dort Gehör zu verschaffen, wird das runtergemacht. Wie wäre es denn gewesen, wenn unsere Bundeskanzlerin einige der Leute mal auf die Bühne geholt hätte und sich mit Ihnen auseinandergesetzt hätte. Man hätte trefflich über die Finanzsituation von Wuppertal reden können. Ich wäre da aber sehr gespannt auf die Antworten der Politik gewesen. Hinweis für Herrn Maus: auch die WZ könnte anstelle Ihrer Umfragen -bei denen die vorgegebenen Antworten bei Gericht als Suggestivfragen vom Richter abgelehnt würden- die für Wuppertal interessanten Themen ausführlich aufarbeiten und nicht nur den immer wiederkehrenden Briefschreiber mit ihren Stammtischparolen eine Plattform geben, sondern Menschen, die sich mit einem Thema richtig auseinandersetzen.
Der WZ rate ich außerdem, mal darüber nachzudenken, warum es immer weniger Abonnenten gibt. Meiner Einschätzung sind es bestimmt 20 % weniger wie noch im Jahr 2000.
Ich möchte an dieser Stelle noch dazu aufrufen: WIR BRAUCHEN EINE ZWEITE TAGESZEITUNG! Dann wird auch die Qualität besser.
28. September 2009 um 12:30 Uhr
Was die Wuppertaler von der WZ halten, sieht man an der Auflage – nachzugucken unter http://www.ivw.de. Seit Mausens Antritt vor 3 Jahren hat er 15 Prozent der Stammleser vergrault – ohne dass die Wuppertaler eine Zeitungs-Alternative hätten. Zwar leiden auch andere Zeitungen, aber für einen Monopolisten sind die Wuppertaler wohl beispiellos…
28. September 2009 um 17:04 Uhr
Naja. Da gibt es wirklich nichts mehr zu sagen – wenn Leute, die etwas kritisieren so verfolgt werden.
Ich habe meinen Entschluss heute daraus gezogen und die WZ gekündigt. Sollten eigentlich alle machen.
11. Oktober 2009 um 11:36 Uhr
Ich finde das Herangehen an Deinen Arbeitgeber nur logisch. Wer den Flashmob auf die Parteizugehörigkeit der Mitglieder der Piratenpartei reduziert, der reduziert auch einen Kritiker am Artikel auf – eben – seine Parteizugehörigkeit.
Ich finde es erschreckend, dass Menschen “Zeitung machen” die nicht zwischen Nachricht und Boten unterscheiden können.
Ganz klares Urteil: “Nicht kaufen”.
28. Januar 2010 um 12:08 Uhr
[...] Berichterstattung der Westdeutschen Zeitung muss nicht weiter kommentiert werden. Schlimmer ist aber, dass mein Kommentar in der Diskussion gelöscht wurde. Ich habe es [...]